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Kollegiale Unterstützung in Krisenzeiten - Erfahrungsberichte

Die Schließung der Kitas und Schulen wirkt sich auf den Alltag aller Einrichtungen der von Laer Stiftung Betriebs-gGmbH aus. Bestand zunächst aus den unterschiedlichsten Gründen Sorge wegen der kommenden Wochen, so hat die entstandene Solidarität und Einsatzbereitschaft unserer Mitarbeitenden aber auch zu ganz neuen Begegnungen und Erfahrungen geführt. Kolleginnen und Kollegen aus den Kitas unterstützen seit zwei Wochen unsere Wohngruppen und unsere Einrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.
Vielen Dank für Euren Einsatz!

 

 

Erfahrungen aus der Wohngruppe Asemissen

Als Erzieherin, die normalerweise im U3-Bereich einer Kita tätig ist, hat mir die Nachricht, dass gerade ich in einer Wohngruppe aushelfen soll, zugegeben erstmal etwas Angst eingejagt. Viele Fragen gingen mir durch den Kopf: Werde ich mit den Kindern klarkommen? Schaffe ich es, eine Beziehung und Vertrauen aufzubauen? Werde ich wirklich eine Unterstützung sein?

Der erste Tag in der Wohngruppe rückte - vor über einem Monat - also näher und meine Kollegin und ich wurden herzlich dort empfangen. Die Kolleginnen begegneten uns sehr verbunden, dankbar und interessiert. Wir waren beide positiv überrascht, wie offen die Kinder uns gegenüber waren, und schnell hatten wir einen Draht zueinander.
Meine Kolleginnen und ich aus der Kita Leonardo betreuen die Kinder überwiegend bei den Hausaufgaben. Wir sind immer wieder aufs Neue erstaunt, mit wie viel Disziplin sich die Kinder an ihre Aufgaben setzen, obwohl sie mittlerweile auch gerne wieder in die Schule gehen möchten. Obwohl die Zeit gerade für die Kinder sehr schwer ist, denn sie können ja nicht einfach nach Hause zu ihren Eltern oder Freunde treffen, verlieren sie die Lust und Motivation weder in ihrer Freizeitgestaltung, noch bei ihren Schulaufgaben.

Ich bin froh, in dieser schwierigen Zeit einen wertvollen Beitrag leisten zu können und die Wohngruppe mit unserer Anwesenheit ein Stück mehr unterstützen zu können.
Der erste Schritt raus aus seiner eigenen Komfortzone ist oft nicht leicht und dennoch bin ich sehr froh, diese verlassen zu haben und wertvolle Erfahrungen für meine berufliche Laufbahn mitnehmen zu können.
Danke dafür!

 

Vanessa Friesen
(Mitarbeiterin der Kita Leonardo)

 

 

Erfahrungsbericht aus der Wohngruppe Hiddenhausen

Heute möchte ich mich einmal aus der Wohngruppe Hiddenhausen melden.
Mein Name ist Gerda Heinemeier und ich arbeite seit Eröffnung im April 2019 in dieser Wohngruppe.

Seit dem Einzug hat sich so viel getan in dieser Gruppe und die Gruppengemeinschaft ist inzwischen stark gewachsen. Aber wie stark die Gruppe tatsächlich ist, dass zeigen uns unsere Kids gerade jetzt in dieser schwierigen Corona-Zeit. Sie machen das wirklich toll!
Keine Schule - Schulaufgaben in der Wohngruppe, Kontaktverbot - kein Besuch von Eltern oder sonstigen Angehörigen, Geburtstagsfeiern ganz ohne Gäste, keine Ausflüge mehr mit der Gruppe, keine Einkäufe mehr in der Stadt ...und dann jetzt auch noch Mitarbeitende mit Masken im Gesicht !!! Alles wird ertragen, fast ohne zu meckern. Kids, ihr seid einfach super!!!

Und was die Masken angeht - auch da spielt ihr prima mit. Inzwischen habt ihr schon Wünsche nach eigenen Masken ausgesprochen und wir haben auch schon die ersten selbst genäht. Toll, dass ihr sogar eigene Stoffe dazu beigesteuert habt. Es entsteht ein richtiges Battle - wer wohl die coolste Maske hat?! Ihr seht aber auch toll aus mit den Batman-Masken, den Prinzessinnen-Masken, oder mit den gestreiften oder den Maulwurfmasken.
Wir werden weitermachen und weiternähen und freuen uns, dass ihr da so toll mitmacht.
Selbst den ein- oder anderen Teddybären haben wir hier im Haus schon mit Schutzmaske gesichtet.

Wir hoffen alle, dass bald wieder etwas mehr Normalität gelebt werden kann, aber mit solchen Kids überstehen wir die Corona-Krise gut.
Und danach ist eine große Party im Garten fällig!!! Versprochen!!!

 

Gerda Heinemeier
(Mitarbeiterin der Wohngruppe Hiddenhausen)

 

 

Die Corona-Krise - Fluch oder Segen?

„Wie, keine Teamsitzung mehr?- Wie soll das denn funktionieren?“
„Wie soll das denn funktionieren, dass die Jungs in der Gruppe bleiben sollen?! Die nehmen doch hier die Hütte auseinander… Ohje ohje.“

Also gut… Es ist, wie es ist. Machen wir das Beste draus. Viele Ängste, viel Unwissenheit, viel Unbekanntes gilt es nun zu bearbeiten. Und auszuhalten.

Die erste Woche ohne Schule beginnt. Die Jungs schlafen. Sie schlafen lange. Sehr lange. Ab mittags sieht man vielleicht den einen oder anderen Jungen, der schlaftrunken aus seinem Zimmer huscht. Noch scheint es ein verlängertes Wochenende zu sein. Ab Mittwoch startet die interne Beschulung. Es kommen drei Kollegen aus den Kitas der Stiftung und nehmen sich der internen Beschulung an. Die Reaktion der Jungs: ENDLICH wieder Schule. ENDLICH weiter Deutsch lernen. (Endlich wieder Struktur? Sicherheit? Vorhersehbarkeit?) So sitzen sie da. Alleine oder in kleinen Gruppen mit einem Ansprechpartner, der sie unterstützt. Es ist ruhig und alle arbeiten konzentriert an ihren Aufgaben. Nach ca. 1 Stunde folgt eine Pause. Die Arbeiten werden zur Seite gelegt, der Kicker-Ball geholt und die Pause gemeinsam verspielt. Kein Streit, kein Gemecker, kein Druck. Danach wird weitergearbeitet. Am Ende der Pause sitzen die Jungs auch schon ohne Aufforderung wieder an ihren Plätzen und arbeiten. Was ist denn jetzt los, fragen wir uns. Sind die jetzt echt wieder zurück zu ihren Aufgaben gegangen? WOW.

Das Mittagessen folgt. ALLE GEMEINSAM. Es wird erzählt, es werden Witze gemacht, Pläne für den Nachmittag geschmiedet. Große Pläne? Nein - da war ja was… Die Krise. Die Pläne beziehen sich also eher auf die Frage: Was machen wir heute Nachmittag hier in der Gruppe? Playstation spielen, schlafen, Gemeinschaftsspiele spielen, telefonieren und ganz wichtig: Sport machen. Am liebsten mit mindestens einem Mitarbeiter. Wir haben Zeit. Wir haben (fast) keine Termine. Wir können in Beziehung gehen und Kontakt anbieten. Wir können zuhören. Wir können erklären. Wir können wahrnehmen und beobachten, was passiert. Aus der Beobachterposition heraus entwickelt sich nach ca. einer Woche ein freudiges, entspanntes und zuversichtliches Gefühl des: „Es wird schon werden, gemeinsam stehen wir die Zeit hier durch.“
Kollegen, die lange „nebeneinanderher gearbeitet haben“, fragen sich, wie es dem anderen geht, was gut läuft, was es zu bearbeiten gibt... In Ruhe.

Zwei Wochen später - kippt die Stimmung?
Die Motivation lässt nach.
„Wieso dürfen wir denn nicht zusammen raus? Wann machen die Geschäfte wieder auf? Wann können wir wieder schwimmen gehen? Wann ist Corona weg?“
Viele Fragen und wenig zufriedenstellende Antworten. Alle Schulaufgaben sind erledigt und an die Lehrer zurückgeschickt. Dennoch sitzen (fast) alle weiterhin nach dem Frühstück an ihren Plätzen und sind bereit zu lernen. Neu wurde eingeführt, dass sich am Ende der Unterrichtszeit alle gemeinsam treffen um über verschiedene Standpunkte oder Ideen zu sprechen.
Wie erklären wir, dass nicht WIR die Gesetze und Regeln aufgestellt haben, sondern die Regierung? Wie will man erklären, dass nicht wir zur Risikogruppe gehören, sondern mit unserem Verhalten die Risikogruppe schützen? Selbst in der Mutterspräche und offiziellen Schreiben offizieller Stellen ist die Einschränkung der Freiheit schwer zu akzeptieren. Das wissen die Jungs besser als wir alle!!! Passen wir also auf uns alle auf, so dass wir gesund bleiben und bald unsere Freiheit wiederbekommen.

 

Liebe Grüße von Maxi aus dem KAP 10

 

 

Bericht aus der Wohngruppe Hiddenhausen

Vor ein paar Monaten, als alles noch gut war, bekamen wir in der Wohngruppe Hiddenhausen, diverse Anfragen, ob wir nicht in anderen Gruppen aushelfen könnten, da es dort Engpässe gab. Damals sagte ich zu meinem Team, dass ich helfen möchte, wenn irgendwo in anderen Teams gerade eine Notsituation ist, denn, wenn wir einmal in einer solchen Situation sind, dann wünschen wir uns auch die notwendige Unterstützung zu bekommen. Auch wenn ich eine Gruppe und die Kinder dort nicht kenne, von den Abläufen keine Ahnung habe, kann ich mich mit den Kindern beschäftigen, Fahrdienste erledigen, den Tisch decken und einfach unter die Arme greifen.

Es kam der 13. März - für die abergläubischen unter uns: Freitag, der 13. März - und er brachte eine Welle von Ereignissen, die alle kennen, mit denen ich aber niemals in einem solchen Ausmaß gerechnet hätte.
Nach und nach verkleinerte sich mein Team. Die Gruppe ruft mich an, um mitzuteilen, dass eine Kollegin langfristig erkrankt ist, kurz danach erfahre ich von dem Beschäftigungsverbot unserer schwangeren Kollegin.
So setze ich mich an den Dienstplan und stelle fest, dass das so nicht geht. Es sind einige Nächte und nahezu alle begleitenden Spätdienste zu vertreten. Da kommt mein Team an seine Grenzen und darüber hinaus.
Kurz bevor ich verzweifle, erreicht mich die Nachricht, dass KollegInnen aus den Kitas bei uns in den Wohngruppen aushelfen werden. Das finde ich schon mal Klasse und kurz danach läutet schon das Telefon und hört gar nicht mehr auf. Die Kita "Hof Hallau" meldet sich, sie sind für uns da, ich solle die KollegInnen zu Kitazeiten im Dienstplan einplanen. Die Kita "EffHa" war erst etwas verhaltener. Die KollegInnen, die jetzt so einzigartig mit uns arbeiten, hatten Bedenken, was die Arbeit in der Wohngruppe und die Kinder betrifft. Die Bedenken hätte ich auch, müsste ich plötzlich in der Kita aushelfen. Es kamen aber immer mehr Anrufe und immer mehr Angebote aus den Kitas und ich war sprachlos und überwältigt, von so viel Hilfsbereitschaft.

Inzwischen arbeiten wir mit den neuen KollegInnen, und es ist einfach nur toll, vor allem auch deshalb, weil alle „Aushilfen“ extrem flexibel ihre Zeit zur Verfügung stellen. Im Garten ist ein riesiger Abenteuerspielplatz mit Buden entstanden. Gemüsebeete sind angelegt, es wird auf Bäume geklettert. Abends spielt ab und zu der Rattenfänger von Hameln sein Lied und lotst die Kinder im Gänsemarsch ins Haus.

Keiner weiß, wie es weitergehen wird, wie lange der „Hausarrest“ noch andauern wird, aber gewiss ist, dass wir die ersten beiden Wochen zusammen überstanden haben, viel mehr noch, eine tolle Zeit verbringen durften.
Die Kinder in unserer Gruppe finden es übrigens super, dass andere Leute da sind. Es ist schon schwer, die Eltern nicht sehen zu können, oder plötzlich den Bezugsbetreuer nicht mehr zu haben. Die Kinder vermissen die Schule und ihre Freunde. Trotzdem sagt A. (16 Jahre):
„Es ist doof, dass wir immer Praktikanten und Aushilfen im Haus haben“
„Wieso?“
„Die bleiben immer zwei Monate oder ein paar Wochen und dann sind sie wieder weg. Wenn sie weg sind, dann vermisse ich sie“.

 

Helga Stuckmann-Popp
(Teamleitung WG Hiddenhausen)

 

 

Bericht aus dem KAP 10

Seitdem das Corona-Virus allgegenwärtig in Deutschland aufgetaucht ist und auch Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus durch die Regierung veranlasst wurden, hat sich unser Tagesablauf grundlegend verändert. War es vorher noch so, dass wir aufgrund von verschiedenen Außenterminen und viel bürokratischen Aufwandes oftmals einen sehr durchstrukturierten Tagesablauf hatten, sind wir nun flexibler in unserer Tagesstruktur. So gut wie alle Termine sind abgesagt worden.
Dadurch haben wir sehr viel Zeit in der Gruppe, um bei den Jungs zu sein. Wir haben drei pädagogische Mitarbeitende aus zwei Kitas und einer Tagesgruppe der von Laer Stiftung zur Unterstützung bekommen. Deshalb können wir den Jungs morgens von 9 Uhr bis 12 Uhr einen internen Schulunterricht bieten. Fast alle Jungs nehmen daran mit Begeisterung teil. Dabei können sie entscheiden, in welcher Art sie ihre Aufgaben erledigen möchten. Manche arbeiten lieber allein auf dem Zimmer und sind dabei ungestört, andere genießen die gegenseitige Hilfe in kleinen Lerngruppen. Ohne die Unterstützung von außen hätten wir dieses Angebot in dieser Form nicht umsetzen können.

Zum Glück besitzen wir einen Kicker, einen Billardtisch und auch eine Tischtennisplatte. Wettkämpfe sind vorprogrammiert und manchmal wird auch ein „Kap10-Triathlon“ ausgetragen, bestehend aus diesen drei Sportarten. Wir versuchen, den Jungs einen abwechslungsreichen Tag zu garantieren, verstehen aber auch, wenn sie sich auf ihr Zimmer verkriechen möchten. Momentan ist es so, dass so gut wie alle Jungs gut gelaunt sind und die Tage mit den Betreuern genießen.

Da viele Bewohner mit Fluchterfahrungen und -erinnerung bei uns einziehen, fällt es ihnen häufig schwer, Vertrauen aufzubauen. Durch die jetzigen Möglichkeiten gelingt es Ihnen jedoch immer mehr, sich zu öffnen und andere Menschen an sich heranzulassen. Leider sind auch Termine bei unserer Psychologin momentan nicht machbar. Dankenswerter Weise gibt es aber die Möglichkeit, über Telefongespräche Kontakt zu ihr herzustellen.

Abschließend ist zu sagen, dass der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe deutlich gestiegen ist und die Jungs insgesamt ein Wir-Gefühl statt des bisherigen Ich-Gefühls aufgebaut haben. Wir alle befinden uns in derselben Situation. Jeder hier hat begriffen, dass es keinen Sinn macht, den Kopf in den Sand zu stecken.

 

Das KAP10 macht das Beste daraus!

 

 

Spontaner Wechsel von der Kita in die Wohngruppe - ein Erfahrungsbericht

Als wir gefragt wurden, ob wir in einer Wohngruppe aushelfen könnten, weckte dies erst ein zwiespältiges Gefühl in mir.

Ich hatte bis jetzt nur im Kitabereich gearbeitet und somit keinerlei Erfahrung im Bereich der Wohngruppe sammeln können. Außerdem war die Wohngruppe relativ weit entfernt, was eine Umorganisation meines Arbeitswegs voraussetzte - dies alles in einer Zeit, in der auch das private Leben komplett auf den Kopf gestellt wurde.

Einen Alltag gemeinsam mit der Familie neu zu organisieren, in dem beide Partner in einem systemrelevanten Beruf arbeiten, mit zwei schulpflichtigen Kindern, die nun ihre schulischen Aufgaben von Zuhause aus erledigen mussten, war gar nicht so leicht.

Andererseits war da das Gefühl der Selbstverständlichkeit zu helfen, die Freude an neuen Erfahrungen und das Verständnis, dass nun gerade in bestimmten Bereichen des sozialen Miteinanders Unterstützung benötigt wird.

Nach dem Abwägen und Ordnen dieser Gefühle und Gedanken und der notwendigen Umorganisation im privaten Bereich bot ich meine Hilfe an.

In der Wohngruppe selbst fühlte ich mich sofort willkommen. Ich traf auf tolle Kinder, wurde herzlich von den Kolleginnen und Kollegen aufgenommen und habe sehr positive Einblicke in einen Bereich bekommen, den ich bisher noch nicht kannte.

Somit sehe ich diese Zeit, auch wenn sie wohl für Alle mehr als schwierig ist, als eine Bereicherung an.

Alles Gute und bleibt gesund!

 

Dennis Haack
(Mitarbeiter der Kita EffHa)

 

 

Erfahrungsbericht aus der WG Hiddenhausen

WG Hiddenhausen!? Gleich mehrere Fragezeichen und Ausrufezeichen ploppten vor meinem geistigen Auge auf. Notbetreuung? - Meinetwegen, aber in einer Wohngruppe? Und wo liegt eigentlich Hiddenhausen?

Tatsächlich gingen mir direkt nach dem Erhalt der Nachricht viele Dinge durch den Kopf.
Ist es in einer Zeit, in der man so wenig Kontakt wie möglich haben sollte, eigentlich sinnvoll, als Außenstehender in eine Wohngruppe zu gehen? Was wird dort von mir erwartet? Inwieweit macht das pädagogisch Sinn? Und wo ist nochmal dieses Hiddenhausen?
Fragen über Fragen, die ich mir stellte, während ich an der Kasse stand und mein gerade eben noch ergattertes Paket Toilettenpapier bezahlte. Der Herr an der Kasse lächelte mich an und gab mir beim Weggehen noch ein „Bleiben sie gesund!“ mit auf den Weg.
Und da war sie, die Erkenntnis, dass jeder Kassierer, jede Krankenschwester und jeder Polizist und all die anderen Menschen in Schlüsselpositionen gerade für mich da sind und sich bemühen, dass der Laden läuft.

Warum also sollte ich nicht auch meine Komfortzone verlassen und dort helfen, wo Hilfe gebraucht wird. In meiner Kita war schließlich nichts los und dort in der Wohngruppe können die Kinder nicht einfach nach Hause geschickt werden. Die Erzieherinnen und Erzieher vor Ort gehen nicht einfach zu ihren Familien, sondern tun das, was sie gelernt haben und was ihre Pflicht ist: den Kindern, die selbst schwere Zeiten hinter sich haben, durch diese kommenden Wochen ohne Familienkontakt und ohne das Treffen von Freunden zu helfen.

Also voller Enthusiasmus hin nach Hiddenhausen, das übrigens bei Herford liegt und etwa 25 Minuten Autofahrt in Anspruch nimmt. Weniger also, als mit dem Auto durch ganz Bielefeld zu schnecken.
Dort angekommen wurden wir - das heißt ich, mein Kollege und zwei Erzieherinnen aus einer weiteren Kita - zunächst von Helga begrüßt, unserer Chefin für die nächsten Wochen.
Fast schon entschuldigend fragte sie uns, wann es uns denn recht sei und am Wochenende käme man ja vielleicht auch, und die Feiertage gehen bestimmt auch irgendwie und ob es denn möglich sei, dass wir im Wechsel ein bisschen aushelfen könnten. Wir alle vier versicherten Helga sofort, dass wir nur zu gerne bereit wären, sämtliche Dienste zu übernehmen die von ihrer Seite aus notwendig erschienen. „Helga du bist jetzt die Chefin und du sagst uns, wann du uns brauchst“ war der Tenor.

Meinen ersten Dienst trat ich dann vier Tage später an einem Sonntag an.
Was soll ich sagen?!
Bei all den Schwierigkeiten mit denen die Kinder dort zu kämpfen hatten und haben, wurde ich offen und sogar überschwänglich begrüßt. Ich hatte in keinem Moment den Eindruck, dass ich falsch am Platz wäre, im Weg herumstehe oder mit Situationen nicht umgehen könnte. Denn im Grunde lief dort alles, wie in meiner Kita: mit festen Regeln und Zeiten und mit Kindern, die selbstständig ihren Tagesablauf gestalteten.
Gab es Streit? Ja! Musste ich streng sein? Ab und zu.
Aber viel häufiger war ich überrascht von der Höflichkeit, der Hilfsbereitschaft und der Sorge um das gemeinsame Wohlergehen, das ich dort antraf. Eines der ältesten Kinder zum Beispiel kochte allein für alle das Abendessen, die jüngeren kümmerten sich um die Hühner und Kaninchen. Ein weiteres Kind putzte das Bad.
Gemeinsam verbrachten wir einen wundervollen Tag draußen auf dem Außengelände, bauten Buden, spielten Fußball und Zeit, ein wenig Musik zu machen, hatten wir auch noch. Wir haben gemeinsam gelacht, gesungen und gemeinsam Frau Merkels Rede im Fernsehen geschaut. Wir haben uns von Zuhause erzählt und von unseren Wünschen und Hoffnungen berichtet.

Ich erinnerte mich an meine Ausbildung, an Janusz Korczak und sein Kinderparlament. Es benötigt den Erwachsenen als Anker und als emotionale Anlaufstelle, doch das Leben gestalten können die Kinder selbst.
Ich durfte, ich darf als Pädagoge meinen Horizont hier erweitern, mit diesen Kindern und mit den neuen Kolleginnen und Kollegen, die genau dieselben Ängste und Befürchtungen haben wie ich. Ich darf mit diesen Menschen gemeinsam eine schwierige Zeit erleben und darf beruflich wie als Mensch an diesen neuen Eindrücken wachsen. Das schafft keine Onlineschulung. Dafür bin ich Pädagoge und dafür möchte ich mich bei allen in der WG Hiddenhausen bedanken!
Ich freue mich jetzt schon auf die nächste Weihnachtsfeier. Dann setze ich mich ein Weilchen auch an euren Tisch.

Dankeschön!

 

Marcus Pertz
(Mitarbeiter der Kita EffHa)